Scharff: Zum Verständnis des Patienten im Kontext unterschiedlicher klinischer Hintergrundstheorien.

Im Versuch, die unbewussten Mitteilungen seines Patienten zu verstehen, hört der Psychoanalytiker in gleichschwebender Aufmerksamkeit zu, bis sich eine Sinngestalt herausbildet. Was er zu erkennen meint ist jedoch nicht unabhängig von klinischen Hintergrundstheorien, über die sich sein Verstehen organisiert. Oft nimmt dabei eine Auswahl von Denkfiguren eine erkenntnisleitende Stellung ein. Am Beispiel der jeweils unterschiedlichen Gewichtung `innerer’ oder `äußerer’ Perspektiven im klinischen Verstehen wird aufgezeigt, wie die Phänomene in der analytischen Stunde ganz unterschiedlich aufgeschlüsselt werden können. Bei der Deutung des Unbewussten kann der Akzent im einen Fall mehr auf dem liegen, was der Patient aus seinen inneren Phantasien heraus `geschaffen’ hat, im anderen Fall mehr auf dem, was er in seiner Umgebung (vor-) `gefunden’ hat. Zur Erläuterung werden Fallbeispiele aus dem Bereich Trauma, Borderline und Neurose herangezogen. Der Vortrag plädiert dafür, sich möglichst frei von konzeptuellen Einengungen für divergente klinische Verständniszugänge offen zu halten.